Die Bleßhirsche, im englischen „bald-faced deer“ genannt, sind eine besondere und seltene Form des Rothirsches. Sie fallen vor allem durch ihr auffälliges Aussehen auf: Im Gegensatz zu normalen Rothirschen haben sie eine helle oder weiße Zeichnung im Gesicht. Wichtig ist dabei, dass sie keine Albinos sind, sondern einfach eine besondere Farbvariante darstellen.
Eine spannende Geschichte zu diesen Tieren beginnt im Jahr 1976. Dr. h. c. H.-H. Hatlapa reiste damals nach Schottland, weil er der Geschichte folgend einen solchen seltenen Hirsch für seinen Wildpark haben wollte, um die Farbvariante am Leben zu erhalten. Nach längerer Suche hatte er schließlich Glück. Er lernte einen Schäfer kennen. Dieser fing nach kurzer Zeit ein entsprechendes Hirschkalb für ihn. Das Kalb wurde nach Deutschland gebracht, mit der Flasche aufgezogen und bekam den Namen „Bless“. Aus diesem einen Tier entwickelte sich später eine kleine Gruppe von Bleßwild im Wildpark Eekholt in Schleswig-Holstein.
Die Herkunft dieser besonderen Hirsche reicht vermutlich noch weiter zurück. Man geht davon aus, dass sie ursprünglich aus Dänemark stammen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schenkte der König von Dänemark einige dieser Tiere einem schottischen Adeligen. Die Hirsche wurden in großen Parks gehalten, konnten aber durch verschiedene Ereignisse wie Stürme, Forstarbeiten oder Auswilderungen entkommen bzw. wurden freigelassen. So gelangten sie in die freie Natur und breiteten sich in bestimmten Regionen Schottlands aus. Heute findet man sie vor allem in Gegenden wie Breadalbane, Glen Lyon und Balquhidder. Insgesamt gibt es wahrscheinlich nur einige Dutzend Tiere, also etwa 20 bis 70, die frei leben.
Die Meinungen über diese Hirsche sind unterschiedlich. Manche Jäger sehen sie kritisch, weil sie sich optisch von anderen Hirschen unterscheiden und vielleicht weniger gut an harte Winter angepasst sind. Außerdem fällt ihre helle Gesichtsfarbe stärker auf, was in der Natur ein Nachteil sein kann. Auf der anderen Seite finden viele Menschen diese Tiere besonders faszinierend und schön. Gerade weil sie so selten sind, werden sie oft nicht gejagt. Das verschafft ihnen sogar einen kleinen Vorteil gegenüber anderen Hirschen.
Interessant ist auch, dass die weiße Gesichtszeichnung in der 2. Generation vererbt werden kann. Bestimmte Hirschkühe bringen immer wieder Kälber mit dieser besonderen Färbung zur Welt. Es gibt sogar Gruppen von Hirschen, in denen mehrere Tiere diese Eigenschaft haben. Das zeigt, dass dieses Merkmal genetisch relativ stark ist.
Heute ist das Bleßwild zwar selten, aber sie kommen in ihrer Region weiterhin vor. Sie sind ein spannendes Beispiel dafür, wie sich Tiere durch menschlichen Einfluss, Zufälle und natürliche Vererbung entwickeln können. Auch wenn sie biologisch keine besondere Rolle spielen, haben sie doch eine große kulturelle und regionale Bedeutung. Sie zeigen, wie eng Natur und Geschichte miteinander verbunden sein können.
